söndag 11 november 2012

”Streuselschnecken” - Julia Franck (2000/2002)


Aus der Sicht des Vaters
Es waren schon vierzehn Jahre vergangen, als ich mich dafür entschied sie anzurufen. Jetzt war sie alt genug um zu verstehen warum ich sie verlassen hatte. Ihre Stimme klang fremd, aber ich erkannte sie. Sie hatte dieselbe lustige Aussprache wie ihre Mutter. Ich erklärte wer ich war, erzählte, dass ich auch in Berlin lebe und fragte ob sie mich kennen lernen wollte. Ich hörte ihr Zögern bevor sie antwortete. 
Wir verabredeten uns. Ich habe sie gleich erkannt, Jutta hatte mir schon Fotos von ihre Schwester geschickt. Sie war geschminkt und trug einen dunkelvioletten Rock. Wir gingen zusammen ins Café Richter, und später noch ins Kino. Ich fühlte mich in ihre Gesellschaft schüchtern, auch als ich sie meine Freunde vorstellte. Manchmal besuchte sie mich auch bei der Arbeit. Ich schreibe Drehbücher und führe Regie bei Filme. Sie erzählte mir, sie ginge noch zur Schule und arbeite als Kindermädchen, aber dass sie gerne Kellnerin werden wollte. 
Ich hatte schon den Gedanken gehabt ihr Geld anzubieten, aber ich fand, dass das warten konnte. Sie war ja immernoch vierzehn und brauchte nicht dringend das Geld. Trotzdem hatte ich etwas auf ein Bankkonto für diesen Zweck gespart. Ich habe gedacht, ich hätte immernoch ein ganzes Leben mit ihr zusammen wo noch viel Zeit war.
Ich lernte Mona mehr und mehr kennen, wir trafen uns ein Mal jede Woche. Leider wurde ich zwei Jahre nach unserem ersten Treffen sehr krank. Ich fühlte mich schwach und wurde ins Krankenhaus geführt. Mona besuchte mich oft da, sie brachte mir Blumen. Als ich fühlte, dass ich bald sterben würde bemerkte ich was für eine große Angst ich hatte. Ich bat meine Tochter, mir Morphium zu bringen um den Tod zu beschleunigen, aber ich glaube, sie war schockiert. Warscheinlich dachte sie an den Folgen, die es geben könnte, falls das Krankenhaus herausfinden sollte, woher die Drogen kamen. Stattdessen fragte sie ob ich Kuchen haben wollte. Ich war müde und wollte bloß Streuselschnecken. Sie kam kurz darauf mit zwei Ladungen des süßen Gebäcks. 
Ihren siebzehnten Geburtstag feierten wir im Krankenhaus. Ich erzählte ihr, dass ich gerne noch mit ihr mehr Zeit gehabt hätte, aber dass es jetzt zu spät wäre. Ich wünschte ihr noch viel Glück in ihrem Leben.
ENDE

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